[Einspieler]
Ob in Bayern, Niedersachsen, Dänemark oder Frankreich – familiengeführte Betriebe bilden das Rückgrat der gesamten europäischen Milchwirtschaft.
Christof Bossmann: Wenn man regional kauft, dann stützt man auch die Region. Das ist genauso, wenn man alle Kleidung im Internet bestellt, dann muss man sich irgendwann mal nicht wundern, dass in den Innenstädten keine Geschäfte mehr sind. Und bei der Milch ist es genauso.
[Podcast-Musik]
Julia Nissen: Herzlich willkommen zu einer Spezialfolge von Let’s Talk Milch, dem Podcast der Initiative Milch, präsentiert im Rahmen des EU-Programms „Enjoy it’s from Europe“. Heute nehmen wir direkt bei mir am Küchentisch in Nordfriesland Platz. Mein Name ist Julia Nissen, ich bin Landfluencerin hier im hohen Norden. Und wir sprechen über das, was unser Leben im Norden und in ganz Europa prägt: unsere Landwirtschaft und wie unsere Lebensmittel eigentlich entstehen. Denn die Zahlen sprechen für sich: 96 % der Europäerinnen und Europäer genießen regelmäßig Milchprodukte, aber nur 16 % wissen überhaupt, was sich auf den Höfen und in den Molkereien bei Umweltstandards und Effizienz tut. Grund genug für einen Blick hinter die Kulissen. Ehrlich, fundiert, ohne Bullerbü-Klischees und mit einem Blick über die Grenze nach Dänemark und in andere europäische Milchregionen. Bei mir am Küchentisch sitzt heute Christof Bossmann, Geschäftsführer einer norddeutschen Genossenschaftsmolkerei. Er nimmt uns heute mit auf die Reise der Rohmilch – von der Erfassung auf den Höfen über die Verarbeitung bis ins Regal, in Deutschland und bei unseren europäischen Nachbarn. Christof, schön, dass du da bist. Moin!
Christof Bossmann: Moin!
Thema: Standortvorteile der norddeutschen Küsten- und Weideregion
Julia Nissen: Christof, lass uns mal ganz entspannt starten: Wenn du morgens so den rauen Wind hier an der Küste riechst – erdet dich das manchmal als Nordlicht oder rattern im Kopf schon die täglichen Logistikketten und Vertriebskennzahlen?
Christof Bossmann: Ja, der Morgen fängt schon immer gut an, wenn man die frische Nordseeluft einatmet. Dann wird der Weg zum Auto schon mal ein bisschen länger, dann geht man noch mal durch den Garten, atmet einmal tief durch und wenn dann der Motor des Wagens anspringt, dann springt der Kopf auch an und dann bereitet man den Tag im Kopf vor.
Julia Nissen: Wir Nordfriesen sind ja sehr stolz auf unsere saftigen Marschwiesen und unsere Geest hier auch. Das Meeresland speichert Feuchtigkeit perfekt und bietet uns einen echten Standortvorteil. Doch wie ordnest du unsere Küstengrünlandregion in das vielfältige europäische Landschaftsbild ein – etwa jetzt im Vergleich zu den Weiden in Irland oder der Normandie oder den Almen in Süddeutschland?
Christof Bossmann: Nun, wir haben hier wirklich, wie du schon sagst, einen riesen Standortvorteil direkt am Wasser. Es regnet hier sehr viel. Ganz Nordeuropa ist ja Weideland, da haben wir die klimatischen Bedingungen. Und da kann man auch Weiden dort wachsen lassen, wo sonst kein Ackerbau oder sonst irgendwas funktionieren würde. Und wenn die Kühe dann das Gras von solchen Böden, wo sonst nichts anderes wächst, fressen, dann nehmen sie auch besondere Nährstoffe auf, die wirklich gut sind hier an der Nordsee. Man schmeckt es auch an der Milch. Wenn man in den Alpenvorländern oder sonstigen Regionen – dort wachsen ja andere Kräuter mit in der Weide. Und die Milch hier oben im Norden, die schmeckt meiner Meinung nach ein bisschen nach Nordsee. Also auf einer Weide ist immer Leben. Das ist kein steriler Boden, sondern Weide lebt. Und das ist das, was toll ist hier an der Küste.
Thema: Realität der Weidehaltung und Kriterien für Weidemilch
Julia Nissen: Eine lange Weidesaison klingt ja für viele Verbraucherinnen und Verbraucher in der EU total romantisch, aber das bedeutet ja nicht nur Matsch und Nässe, sondern ja auch sehr viel Management. Wie sieht denn die Realität aus, wenn das Wetter manchmal wochenlang nicht mitspielt? Wir haben es ja jetzt gerade gehabt mit Dürre zum Beispiel in anderen Teilen Deutschlands und Europas.
Christof Bossmann: Wir haben bei uns in der Molkerei Programme, wo die Tiere das ganze Jahr, an 365 Tagen, Auslauf haben müssen. Und die Bauern erzählen mir manchmal: „Ja, wir wissen auch nicht, was die Kühe da draußen machen.“ Aber wenn sie vom Melken kommen, dann rennen sie erst mal wieder nach draußen in den Regen und manchmal haben sie sogar Schnee auf sich. Dann gucken sie in die Sterne und da fragt sich der Bauer schon: „Was machen die Kühe denn da eigentlich?“ Und wenn es dann mal regnet, dann hocken die sich zusammen und das stört die nicht. Die fühlen sich wohl. Für die Landwirte ist das natürlich ein bisschen blöd, wenn da zu viel Regen ist, dann verschieben sich die Abläufe und auch ist es immer nicht so lustig, dann bei Regen die Tiere reinzuholen. Aber ja nun, das ist Landwirtschaft, die lebt mit dem Wetter, auch wenn es nicht immer einfach ist.
Julia Nissen: Ja, absolut. Also wenn man ein Mensch ist, der viel gutes Wetter braucht, dann ist das schon wirklich eine harte Probe als Landwirtin oder als Landwirt [lacht hörbar], bei Wind und Wetter rauszugehen. Und gerade hier oben in der Region haben wir ja mehr 7 Grad und Wind von der Seite als [lacht hörbar] alles andere. Von daher: Vielen Dank da für deine Rückmeldung. Weidemilch liest man inzwischen ja auf vielen Packungen im Supermarkt, aber was steckt eigentlich so ganz genau dahinter? Ist die norddeutsche Weidemilch im europäischen Vergleich nur ein schönes Marketing-Label oder ist es die Form von regionaler, effizienter Landwirtschaft, die wirklich auch Zukunft hat? Was denkst du darüber?
Christof Bossmann: Die Weide müssen wir unterstützen. Die Weidebauern haben aber durchaus wirtschaftliche Nachteile. Wenn die Tiere länger im Stall sind, ist es einfacher, die Herde zu beobachten oder auch das Management. Und die Weidebauern haben einen höheren Aufwand. Und der ist definiert über Label wie Pro Weideland, die dann besagen, die Kühe müssen mindestens an 120 Tagen 6 Stunden auf der Weide sein. Nur dann dürfen wir es auch Weidemilch nennen. Und ja, da ist ein bisschen mehr Arbeit. Und ich finde es gut, wenn Verbraucher die Weidemilch auch kaufen, weil damit unterstützt man die Region und auch die Weidehaltung.
Julia Nissen: Warum eigentlich diese 120 Tage Weide?
Christof Bossmann: In der Regel sind es ja weit mehr als 120 Tage, das können auch mal 150 oder 180 Tage sein, wenn das Wetter gut ist, dann vielleicht auch manchmal noch länger. Aber die 120 sollen es mindestens sein. Die Definition gilt: An jedem Tag, wo Weideaustrieb möglich ist, da soll es gemacht werden. Aber wenn das Wetter dann mal quergeht, dann muss es auch nicht sein. Das wäre auch nicht richtig, da tritt man die Weiden nur mit kaputt. Die 120 Tage sind in der Regel das Mindeste, das kriegt auch jeder Bauer hin, aber einige machen es auch bis rauf zu 200 Tagen. Und das ist also der Mindeststandard, die 120 Tage.
Thema: Bodenbeschaffenheit und historische Verteilung der Landwirtschaft
Julia Nissen: Ja, und man kennt es ja auch selber vom eigenen Rasen zu Hause, im Winter wächst ja auch einfach nichts, ne? Und ich finde es auch spannend, wenn man sich so ein bisschen mehr mit der Thematik beschäftigt, sieht man ja auch am Beispiel von Schleswig-Holstein, dass – wir haben ja hier die Marsch, wir haben die Geest, das östliche Hügelland und die Geest, da ist der Boden ja ein bisschen weniger fruchtbar als jetzt in der Marsch zum Beispiel. Und wir haben sehr viel Grünland und dementsprechend sieht man ja auch, dass sich dort vor allem Milchviehbetriebe auch angesiedelt haben. Ich habe ja vier Kinder und bin ja viel mit anderen Muddis so im Dorf auch im Austausch. Und gerade gestern habe ich mich mit einer Freundin unterhalten, die dann sagte: „Mensch Julia, warum können wir denn jetzt nicht einfach hier vor Ort Gemüse anbauen? In Dithmarschen geht das ja auch, also im Nachbarlandkreis, warum können wir das jetzt hier explizit in diesem Dorf nicht auch einfach machen?“ Und dann musste ich ihr erstmal erklären, das hängt ja mit dem Boden zusammen und das ist ja alles auch irgendwie so in der Historie gewachsen. Deswegen sind Milchviehbetriebe ja vor allem auf dem Geestrücken in Schleswig-Holstein, also in der Mitte von Schleswig-Holstein angesiedelt, weil der Boden es hier hergibt. Während in der Marsch, also alles Richtung Nordsee wiederum, da ist ja viel mehr Ackerbau, da bietet sich da wieder ein anderer Kreislauf an. Christof, wie siehst du das?
Christof Bossmann: Der Boden ist immer die Grundlage für die Landwirtschaft, um effizient zu produzieren. Und je nachdem, wo man seinen Hof hat, wenn man ihn direkt im Marschland hinter der Nordsee hat, dann macht es sicherlich Sinn, wenn man dort viel Ackerbau betreibt. Das Marschland ist ja von der Nordsee gewonnenes Land und das ist sehr nahrhaft für die Pflanze. Da werden sehr gute Ernten eingefahren. Während es dann im Geestrücken mitten in Schleswig-Holstein zum Beispiel oder in einer anderen Region in Europa, wo nur Sandboden ist, da macht es schon Sinn, eine Weide anzubauen, auch wenn manchmal das Wasser fehlt. Aber auf einfachen Sandböden wachsen Weiden mindestens noch normal bis gut. Und dort hat der Landwirt meistens gar keine andere Chance, als Weidelandwirtschaft zu betreiben.
Thema: Die Rolle von Genossenschaften und Tierwohlprogrammen
Julia Nissen: Unsere Partnerbetriebe hier an der Küste sind ja meistens mittelständische Familienbetriebe. Aber das ist ja kein rein norddeutsches Phänomen: Ob in Bayern, Niedersachsen, Dänemark oder Frankreich, familiengeführte Betriebe bilden das Rückgrat der gesamten europäischen Milchwirtschaft. Gleichzeitig ist das genossenschaftliche Modell, bei dem die Molkerei den Landwirtinnen selbst gehört, eine der stärksten Wirtschaftssäulen in ganz Europa. Wie hilft diese genossenschaftliche Struktur den Höfen dabei, den enormen Spagat zwischen immer höheren Umweltauflagen und dem Druck des Handels zu meistern?
Christof Bossmann: Die Genossenschaft ist eine ideale Unternehmensform für die Landwirte. Die Landwirte sprechen mit oder sitzen am Tisch und sagen, ja, wie es in der Molkerei passieren soll oder auch was dort investiert werden soll, welchen Weg die ganze Molkerei geht. Auch die Molkereien reden auch mit dem Handel und hören rein in den Handel und sagen: „So, was wollt ihr, was für Besonderheiten möchtet ihr, was gibt es da?“ Und da reden wir dann als Molkerei wieder mit unseren Landwirten. Das und das sind die Anforderungen und einige sind relativ leicht umzusetzen, einige nicht so, einige sind sehr aufwendig. Und das geht so, ja, geht vom Landwirt über die Molkerei zum Handel, zum Endverbraucher und hin und her. Und alles investiert der Landwirt. Der Landwirt kann sagen: „Nee, das machen wir nicht, das wollen wir nicht.“ Und manchmal muss die Molkerei den Landwirt überzeugen und manchmal muss der Handel erstmal die Molkerei überzeugen. Aber am Ende sagt der Landwirt: „Das machen wir“ oder „machen wir nicht“. Wir von der Molkerei können vielleicht auch manchmal die Märkte gut erklären, wie das Ganze läuft. Und manchmal ist es ja auch gar nicht so viel, wenn man auf den Höfen nur ein bisschen was verändert und der Endverbraucher ist bereit, etwas mehr dafür zu bezahlen. Und wenn das dann auf den Höfen ankommt, dann ist es ja gut angelegt. Wir haben da bei uns unterschiedlichste Programme und am Anfang war es schwierig für die Landwirte, aber heute sagen sie alle: „Das war ja doch gar nicht so schlimm. Das sollen wir jetzt beibehalten“, weil auch diese ganzen Programme, die es gibt oder auch gerade die Weidehaltung oder Sonder-Tierwohlprogramme, sind ja alle so, dass wenn es den Tieren gut geht, dann gibt das Tier auch mehr Milch und dann ist die Milchproduktion wirtschaftlicher. Und das läuft parallel: je höher das Tierwohl, je höher die Milchausbeute. Und wenn es den Tieren auf dem Betrieb richtig gut geht, dann ist auch der Bauer glücklich. Der lebt ja mit seinen Tieren und wenn die Herde gesund ist und ihn anstrahlt, wenn er morgens in den Stall kommt, dann weiß er, er hat alles richtig gemacht. Und das sind manchmal nur ganz kleine Sachen, ob es mal eine Bürste ist, die man mit in den Stall anhängt, oder mal eine andere Lüftung oder auch mal noch eine kleine Modernisierung, ein bisschen mehr Licht, ein bisschen mehr Luft in den Ställen. Und das danken die Tiere so und das ist eigentlich das das Schöne daran, dass man mit diesen Programmen aus dem Handel viel mehr Tierwohl schaffen kann. Die Tierschutzprogramme, die es auch im Handel gibt, die finde ich klasse. Das ist eigentlich das, wo es wirklich drum geht, die sollte man unterstützen. Und dann ruhig mal auf die Haltungsformen achten, die dort angeboten werden. Das ist eigentlich eine tolle Sache. Und die Betriebe, die landwirtschaftlichen Betriebe in Europa sind ja sehr unterschiedlich. Das ist für uns im Norden, wo so ein Familienbetrieb vielleicht, wo noch ein Altenteiler oder ein Azubi rumläuft, die haben ja schon mal als Familienbetrieb 150 Kühe. Das ist nicht unüblich und das schafft man mit moderner Melktechnik.
Thema: Dänischer Einfluss, grenzüberschreitende Zusammenarbeit und Know-how-Transfer
Julia Nissen: Die Grenze zu Dänemark ist ja von meinem Küchentisch aus nur ein Steinwurf entfernt. Wie spürt ihr den dänischen Einfluss und den europäischen Binnenmarkt hier bei uns im Grenzraum?
Christof Bossmann: Wie du schon sagst, Dänemark ist für uns dichter oder ist kürzer nach Kolding wie nach Hamburg von uns. [lacht] Das ist für uns, nur weil da eine Bundesgrenze dazwischen ist, ist es für uns trotzdem noch regional.
Julia Nissen: Ihr habt ja selber auch dänische Genossenschaftsmitglieder.
Christof Bossmann: Ja, genau. Wir haben tatsächlich im Vorstand haben wir eine Biobäuerin, die bei uns im Vorstand sitzt. Im Aufsichtsrat haben wir einen konventionellen Bauern, der aus Dänemark kommt. Und wir haben nahe fast zwei Dutzend Genossenschaftsmitglieder, die bei uns Mitglied sind. Denen gehört unsere Molkerei. Und bei den Treffen, oder wenn wir, wir machen immer so Meierei-Schnacks zwei-, dreimal im Jahr, wo Landwirte zusammenkommen, wo wir dann auch nicht so steif und steril reden, sondern jeder redet so, wie er möchte, stellt Fragen. Und die Landwirte reden untereinander. Und wenn dann die Dänen irgendwas sagen, was die für besondere Fütterungsmethoden oder Haltung haben, dann sind alle immer ganz still und hören sich das ganz genau an. Und manchmal hören die Dänen dann auch genau zu, wie die Deutschen dann wirtschaftenden. Und melden sich dann auch mal dazu und sagen: „Wir haben damit gute Erfahrungen gemacht“ und... Und da, das Schöne ist, dass die in Süddänemark noch fast alle Deutsch sprechen. Wir müssen dann allerdings Hochdeutsch sprechen, Platt ist dann für den Dänen doch ein bisschen schwierig. [lacht] Aber es ist immer ein besonderer Austausch und deswegen kommen auch viele dort zusammen, weil dieser Know-how-Transfer in der Landwirtschaft, der ist da. Und auch die unterschiedlichen Auflagen, die jedes Land hat und die Erfahrungen, die die Dänen dort gemacht haben, die transferieren wir dann auch gerne mal mit nach Deutschland.
Julia Nissen: Kannst du da ein Beispiel nennen?
Christof Bossmann: Ja, aktuell gibt es einen Futterzusatzstoff, da hat die dänische Regierung gesagt, das müsst ihr jetzt mit füttern. Viele Bauern haben gesagt: „Das ist nicht gut für die Kühe, die verhalten sich anders.“ Obwohl die wissenschaftlichen Ergebnisse und die nachfolgenden Tests alle das nicht bewiesen haben, aber die Landwirte sind nicht ganz glücklich über den Zusatzstoff. Vielleicht auch, weil er neu ist und weil man sich erst dran gewöhnen muss, das muss man sehen. Und wir in Deutschland würden das Mittel sicherlich auch einsetzen, aber das machen wir dann halt noch nicht, weil da gucken wir erst mal, was Dänemark so da macht, wie sich das Ganze entwickelt. Wir waren wohl die erste deutsche Molkerei, die dänische Mitglieder hatte. In Dänemark gibt es ja im Wesentlichen eine ganz große Molkerei und einige wollen halt individuell sein und da sind wir bei uns sicherlich durch unsere Größe mehr ansprechbar für einige Betriebe. Und ja, nun ging es zum ersten Mal über die Grenze mit unserem Milchsammler. Die Dänen haben auch genau hingeguckt, ob wir alles reinhalten [lacht] und da wurden alle Papiere untersucht, ob das denn alles so stimmt, ob da hier noch mal eine Sonderlocke und da. Aber letztendlich war das alles in Ordnung und es war für uns auch mega spannend, dass wir da nun nach Dänemark fuhren, um die Milch zu sammeln. Und das hat funktioniert. Am Anfang war die dänische Presse sehr interessiert daran, dass wir Deutschen da nun waren und ja, da war richtig was los, aber die Landwirte wollten es so und wirtschaftlich war das auch. Und insofern sind wir nach wie vor offen für die dänische Milch. Die Dänen, das kann man ja sagen, die sind schon sehr fortschrittlich in der Landwirtschaft über die milchwirtschaftlichen Dinge, da sind die wirklich gut und man bringt Know-how hin und her.
Thema: Wandel der europäischen Molkereistruktur und Bedeutung des Mittelstands
Julia Nissen: Ja, die Dänen sind ja auch gerade bei Themen wie Effizienz einen Schritt voraus. Wie nimmst du denn sonst die Milchbranche bei den europäischen Nachbarn wahr?
Christof Bossmann: Es gibt in Dänemark ja, da ist die Struktur komplett anders wie in Deutschland. In Deutschland haben wir noch knapp 100 Molkereien, wir hatten mal vor 25 Jahren in Schleswig-Holstein mal 270 Molkereien. In ganz Deutschland hatten wir zu dem Zeitpunkt mal 3.000 Molkereien. Mittlerweile sind es in Deutschland noch 100 Molkereien, die eigenständig sind. In Schleswig-Holstein sind es noch 14. Wir kommen von 256, als ich gelernt habe, gab es 256 Molkereien, heute sind wir auf 14 runter. Und die Molkereien, die fusionieren immer mehr zueinander, um auch effizient zu sein und auch manchmal einen großen Handel beim Lebensmitteleinzelhandel sich auch durchsetzen zu können. Wir brauchen diese großen Schlachtschiffe, die die großen Molkereien, das finde ich, da ist nichts gegen zu sagen, aber auch Mittelständler so wie wir, die müssen auch da sein. Wir sind in manchen Sachen manchmal einfach schneller und wir bieten dann mal Alternativen, die Großen gar nicht können. Und da findet so jeder seinen Weg und ich glaube, die deutsche Molkereiwirtschaft ist schon pfiffig und hat Ideen und ist mit den Produktideen, wenn man sich die Regalflächen in den Lebensmitteleinzelhändlern in den Geschäften anguckt, dann wachsen die und wachsen die, werden die immer größer, weil jeder noch eine neue Idee hat, was man aus Milch machen kann. Gerade jetzt, wenn man sich den Protein-Hype anguckt. Es kommt immer wieder was Neues und das geht, glaube ich, in vielen kleinen Molkereien unten zusammen mit den Großen funktioniert das gut. Also es gibt kein Patentrezept, ob große allein das Beste ist. Ich glaube nicht, es muss wohl eine Mischung aus allem geben.
Thema: Europäischer Best-Practice-Austausch in der Ausbildung
Julia Nissen: Gibt es in der Milchwirtschaft so eine Art europäischen Best-Practice-Austausch? Also was können wir uns von der dänischen Milchwirtschaft, aber auch von anderen Nachbarländern vielleicht abschauen?
Christof Bossmann: Ja, da hat sich viel getan in der Vergangenheit. Es gibt manchmal Austausch von den Auszubildenden, das ist auch grenzübergreifend auch mal nach Dänemark oder die Berufsschule in Malente, die sind auch sehr pfiffig, die sind jetzt in Frankreich unterwegs gewesen, weil die Franzosen sehr gut sind im Digitalisieren von Lernmaterial. Das ist natürlich alles auf Französisch und man übersetzt das jetzt gerade, so dass die Auszubildenden in Deutschland dann auch die Milchproduktion – Standards sind ja fast überall gleich – und für den Auszubildenden ist es egal, ob es nun französische Maschinen sind oder deutsche Separaten, das ist immer ein Separator, wie ein Trecker in der Welt auch überall ein Trecker ist. Und insofern nutzen wir da französisches Wissen im Aufbau und es gibt Verbände, die sich international immer bewegen. Und ich glaube, das ist auch richtig. Man kann ja nicht davon ausgehen, dass man das, was man schon immer so gemacht hat, dass das das Ideale ist. Es kommt immer irgendeiner, der vielleicht sogar schlauer ist oder eine bessere Idee hat, da muss man sein Leben lang für offen sein und deswegen ist es wichtig, auch mal über den Tellerrand nach Europa oder in die ganze Welt zu gucken.
Thema: Kennzahlen der Molkerei und Fazit für den Verbrauchereinkauf
Julia Nissen: Absolut, und das macht ihr ja mit gutem Beispiel voran. [lacht] Wie viele Genossinnen und Genossen habt ihr eigentlich insgesamt?
Christof Bossmann: Wir haben gut 240 Genossen bei uns. Wir haben eine Milchverarbeitung von knapp 400 Millionen Kilogramm Milch. 80 Millionen Kilogramm davon sind Biomilch, wir sind eine der größten oder ein größerer Biomolkereien in Deutschland.
Julia Nissen: Herr Christof, wir haben jetzt über rauen Wind, den Handel und unsere schöne Milchregion hier in Deutschland und in der EU gesprochen. Wenn unsere Hörerinnen und Hörer das nächste Mal im Supermarkt vor dem Milch- und Joghurtregal stehen, was sollten sie dann beim Griff ins Regal im Kopf haben?
Christof Bossmann: Eigentlich das, was jeder weiß: Wenn man regional kauft, dann stützt man auch die Region. Das ist genauso, wenn man alle Kleidung im Internet bestellt, muss man sich irgendwann mal nicht wundern, dass in den Innenstädten keine Geschäfte mehr sind. Und bei der Milch ist es genauso. Wir sind hier oben im Norden und das macht schon Sinn dann auch eine norddeutsche Milch zu kaufen. Es muss ja nicht immer die exklusive Alpenmilch hier an der Nordsee getrunken werden. Guckt man ein bisschen drauf, es gibt so viele Molkereien und da sollte man dann einfach drauf achten, dass die Milch nicht zu weit hierher gefahren wird oder der Käse oder der Joghurt. Es gibt genügend regionale Produkte und auch wenn sie dann manchmal ein Cent oder zwei teurer sind, das Geld ist gut angelegt.
Julia Nissen: Wenn mich jetzt die Muddis im Kindergarten fragen oder in der Grundschule, dann sage ich denen immer, die sollen auf das Label gucken. Es gibt den Stempel und dann sieht man ja: SH steht dann für Schleswig-Holstein zum Beispiel und dann der Code für die jeweilige Molkerei und so kann man halt gewährleisten, dass es regional ist.
Christof Bossmann: Genau, ja, das EWG-Gütezeichen, da muss man auch mal hingucken. Und da tut man sich und allen was Gutes, dann geht es dem Tier gut und dann schmeckt die Milch auch schon wieder ein bisschen besser.
Julia Nissen: Ja, lieber Christof, vielen Dank für deine Zeit, die ehrlichen Einblicke in die europäische Milchwirtschaft und dass du heute mein Gast hier bei mir am Küchentisch warst. Und an euch da draußen: Danke fürs Zuhören! Wenn ihr noch mehr darüber wissen wollt, wie Milchproduktion bei uns aussieht, schaut gerne bei der Initiative Milch auf der Website oder auf Instagram vorbei. Wenn euch die Folge gefallen hat, abonniert den Podcast Let’s Talk Milch, gibt's überall, wo es Podcasts gibt. Bis zum nächsten Mal, macht's gut und tschüss aus Nordfriesland!
[Podcast-Musik]